Das Weihnachtswunder eines Radfahrers

Foto von Anton Atanasov von Pexel
Der Bleistift bewegt sich auf und ab in seinem Mund. Paul kaut auf dem Ende seines Bleistifts herum. Paul ist schon über 30. Seit er mit dem Rad zur Arbeit fährt hat er das Gefühl, dass es vielleicht doch Magie in dieser Welt gibt. Seine Rückenschmerzen, weg. Die überschüssigen Pfunde, weg. Stress und Sorgen, zumindest weniger.
Daher will er dieses Jahr endlich wieder einen Wunschzettel schreiben, wer weiß was passiert. Doch nun aufzuschreiben, was er sich zu diesem Weihnachten wünscht. Einen Wunschzettel hat er schon seit vielen Jahren nicht mehr geschrieben. Er hat dies schon seit einiger Zeit wieder gewollt, sich aber nicht getraut. Der Vorschlag seiner Frau war der entscheidende Auslöser gewesen, es nun doch zu versuchen.

Die Aufgabe macht ihm zunehmend Spaß, und geht schnell von der Hand. Er notiert nicht nur einen neue Fahrradhose, Handschuhe und ein Tasche für sein Fahrrad. Damit der Weihnachtsmann auch weiß was Paul meint, zeichnet er den Wunsch auch noch daneben. Aber nun hat er ein Problem. Deshalb beißt er in seinen Bleistift. Er hat noch einen Wunsch, aber er traut sich nicht, diesen hinzuschreiben. Er wünscht sich so sehr schöne Radwege für die Fahrt ins Büro. Keine Großen, nur ohne Schlaglöcher, Mülltonen, Laubsäcke, parkende Autos, Baumwurzeln, usw... Aber auch dieses würde zu teuer sein, um es bekommen zu können, glaubt er. Ein solcher Wunsch ist Sache des Christkinds. Der Weihnachtswichtel aus den Nachrichten hatte ihm nämlich gesagt, das Christkind aus der Verkehrsbehörde hätte in diesem und auch im nächsten Jahr wenig Geld, um alle Wünsche erfüllen zu können. Dann fasst er sich ein Herz und notierte den Wunsch doch. Dazu zeichnet er einen wunderschönen Radweg mit glatter Oberfläche und schicken Schutzpollern auf der Straßenseite. Um seinen Wunsch erfüllt zu bekommen, hat er eine Idee. Fleißig notiert er all die Arbeiten, Steuern und gesellschaftlichen Nutzen, die dieses Jahr vollbracht hat. Vielleicht könne man das Christkind auf diese Weise überzeugen, seinen Herzenswunsch zu erfüllen.
 

Die Tage bis Weihnachten kriechen dahin und die Spannung ist schwer auszuhalten. Aber tapfer hält Paul Wort. Er fährt wieder jeden Tag mit dem Rad, bringt schon mal einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen von 30 Cent pro Kilometer. Wenn er mit dem Auto fahren würde, würde dies 20 Cent Kosten für die Gesellschaft pro Kilometer erzeugen, die derzeit nicht durch Steuern und Abgaben gedeckt sind. Macht also 50 Cent pro Kilometer! Er gibt fast keine Widerworte mehr, zahlt freudig Müllgebühren, Abwassergebühr, Niederschlagssteuer und mehr. Seine Frau wundert sich schon, sonst hat er immer gemerkt wenn der Gebührenbescheid ins Haus kam. Aber immer, wenn er mit dem Rad bei Schnee und Regen fährt, fühlt er schon fast den neuen Radweg. Er ist immer geräumt, wenn Paul über ihn fährt. Das gibt Kraft für einen weiteren Tag.
Der Heilige Abend kommt und mit ihr die Bescherung. Beim Singen der Weihnachtslieder macht Paul die Augen zu. Er sieht nur den Radweg, und auf dem Rücken drückt er heimlich die Daumen. Aber die Bescherung bringt nur die Sachen, die er sich gewünscht hat. Und einen riesigen Schokoladenweihnachtsmann auf einem Fahrrad. Auch in den Nachrichten nichts. Es ist ihm schwer ums Herz. Aber irgendwie versteht er doch, dass man nicht alles bekommen kann, was man sich so wünscht. Ein neues Parkhaus für Autos am Bahnhof ist halt auch wichtig. Als er ins Bett geht, ist er zufrieden, aber nicht wirklich glücklich.

Ein sanftes Stupsen am Arm weckt Paul. Er will schon vor Schreck laut rufen, aber das Mädchen im weißen Gewand hält ihren Finger vor dem Mund.

„Psssst! Wecke deine Frau nicht auf.“ Dann macht sie eine Handbewegung ihr zu folgen.
Leise schleichen sie aus dem Haus. „Ich heiße Michaela. Ich bin für die Sonderwünsche an das Christkind zuständig. Du hast dir zu Weihnachten einen Radweg gewünscht?“

Paul nickt eifrig, denn vor Aufregung kann er nicht sprechen.
 

„Das Christkind kann leider keine Radwege verschenken, aber du willst doch auf einem tollen Radwege fahren? Nicht wahr? “Wieder kann Paul nur nicken. „Dieser Wunsch soll dir erfüllt werden.“
 

Der Engel für die Sonderwünsche schnippte mit den Fingern. Paul hat auf einmal seine Radkleidung an. Dabei deutet Michaela auf sein Fahrrad. Zögerlich steigt Paul auf. Langsam setzen sich die beiden in Bewegung. Paul glaubt, dass es nun die holprigen Wegen entlang gehen würde, aber nach einigen erreichen sie den neuen Radweg, glatt wie Engelshaar und geschüzt wie das Dorf vom Weichnachtsmann.
 

Der Wind weht Paul um die Nase. Paul sieht Busse, die Menschen schlucken und bald wieder ausspucken. Menschen laufen über Straßen und Bürgersteige. Kein Auto stört auf dem Radweg. Eigentlich soll dieser Ritt immer so dauern. Doch als sie zusammen zu Hause ankommen, ist Paul glücklich.
 

Michaela hat noch eine lange Liste der Sonderwünsche. Im Bett streut sie Paul etwas Zaubersand in die Augen. Als er am Morgen aufwacht, weiß er nicht, ob er geträumt hat, oder ob es Wirklichkeit war. Er beschließt, mit keinem darüber zu sprechen. Am ersten Werktag nach Weichnachten steht in der Zeitung, dass die Verkehrsbehörde über die Feiertage beschlossen hat kilometerweit in der Stadt die Radwege auszubauen und zu sanieren. Paul lächelt glücklich.






von Alexander Beurmann

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